Die meisten Leute mögen es nicht, wenn sie krank sind. Ausser Mullah Nasrudin jr. Das hat seine Gründe.
Manchmal, wenn Mullah Nasrudin jr. gut aufgelegt war, erzählte er von der Zeit, als er noch ein Kind war. (Das ist nicht allzu lange her, und manche würden behaupten, dass diese Zeit längst nicht vorüber war. Aber das ist eine andere Geschichte.) Damals pflegte der Mullah mit seinen Eltern und den acht Geschwistern in einer Wohnung in einem Berner Vorort zu leben. «Am liebsten mochte ich es, wenn ich krank wurde», begann Mullah Nasrudin jr. eines Abends California region phone , als er mit Fieber im Bett lag und das Licht bereits ausgeschaltet war. «Warum denn das?», fragte seine Freundin verwundert. «Na wenn man krank war, dann war man König!», sagte der Mullah heiter. «Bei uns zu Hause durftest du nie fernsehen – ausser du warst krank, dann durftest du alles!»
«Ausser du warst krank, dann durftest du alles!»
So habe es im Elternhaus von Mullah Nasrudin jr. kaum je Fruchtsäfte oder Gipfeli gegeben – viel zu teuer für eine elfköpfige Familie! Ausser eines der Kinder wurde krank. Dann kaufte die Mutter Säfte und Gipfeli und Joghurt und manchmal auch Süssigkeiten. «Kranksein war einfach geil!», fuhr Mullah Nasrudin jr. fort. «Ich erinnere mich, wie der Kranke in der Kuscheldecke vor dem Fernseher sass oder auf dem Bett. Dieses hatte am Kopfteil eine Ablage. War man krank, stellte man dort die ganzen Fruchtsäfte und Joghurts der Reihe nach auf – damit man die Übersicht behielt und genau wusste, wann man was essen und trinken wollte.»
Doch es seien nicht nur die Snacks gewesen, nein, betonte der Mullah mit Nachdruck, sondern die beinahe feierliche Atmosphäre. «Stell dir nur vor, du sitzt wie ein König auf deinem Thron, Mutter sitzt am Bett und schenkt dir ihre ganze Aufmerksamkeit, während die anderen von der Schule kommen und sich mit Hausaufgaben abmühen.» Der Kranke wurde beneidet, ja man wollte ihm nah sein, um sich selbst anzustecken! Gleichzeitig wurde er aber auch geachtet und respektiert – denn auf die Kranken zu achten, das lernte man in der alten Heimat Afghanistan schon früh, erklärte Mullah Nasrudin jr.
Sogar «der Teufel» hielt sich an den Ehrenkodex.
«Für den Kranken galten ganz besondere Regeln. Wollte sich jemand an seinen Chips vergreifen, schrien die übrigen Geschwister: ‹Stopp! Das sind Mullah Nasrudin jrs. Chips!›» Sogar Mullah Nasrudins zweitältester Bruder, der von den anderen «der Teufel» genannt wurde, hatte Respekt und hielt sich an den Ehrenkodex. Deshalb verbinde er noch heute Grippe und Erkältung mit einem Gefühl der Geborgenheit, erklärte Mullah Nasrudin jr. feierlich. Als Antwort kam nur ein leises Schnarchen.
Die Geschichten von Mullah Nasrudin kennt man in ganz Afghanistan, im Iran, in Tadschikistan, in der Türkei und auf dem Balkan. Ähnlich wie der historische Held ist auch Mullah Nasrudin Junior bei seinen Freunden sowohl für seine Weisheit wie für seine Dummheit bekannt. Hier teilt er beides.