Artikel Artikel unserer Gastarbeiter*innen

«Meine grosse Schwester — die erste Feministin in meinem Leben»

Gastarbeiterin Arzije Asani ist Feministin. Wie es dazu kam, erzählt sie in ihrer Kolumne Arzije Kolumnije.

In der Primar­schule habe ich schnell mal das Wort «Schlampe» benutzt, um eine Person zu belei­digen. Ich hatte das so auf dem Schulhof gehört und es schien für alle normal zu sein. Damals wusste ich nicht, wie falsch das war. Heute bin ich Feministin und achte sehr stark auf meinen Sprach­ge­brauch. Dazu ist es nicht von selbst gekommen. Ich hatte das Glück, eine ältere, rebel­lische, grosse Schwester zu haben, die sich für mich und meine kleine Schwester einge­setzt und gekämpft hat, bevor wir das Wort «Feminismus» überhaupt kannten.

Ich sah meine grosse Schwester Tränen vergiessen, schreien und disku­tieren, um die patri­ar­chalen Struk­turen in unserer Familie aufzu­brechen, damit wir es irgendwann leichter haben würden. Ich beobachtete mit Angst und Respekt, wie mutig meine grosse Schwester war und kein Blatt vor den Mund nahm. Sie suchte den Dialog mit meinen Eltern und wollte stets ehrlich an ihr Ziel kommen. «Heute Abend möchte ich an eine Party», sagte sie zu meinen Eltern. Ihr Blick fest entschlossen.

Meine Eltern waren beide in sehr beschei­denen Verhältnissen im Balkan aufge­wachsen. Sie kannten diesen Lebensstil nicht, den wir uns so sehnlichst wünschten. In ihrer Jugend sind sie selten in Disko­theken tanzen gegangen. Mit Alkohol und Drogen sind sie erst gar nicht in Kontakt gekommen.

«Wir waren wütend, dass wir unterschätzt und nicht wertgeschätzt wurden.»

«Wenn meine jüngeren Brüder am Abend ausgehen können, sollte ich das auch können», teilte sie meinen Eltern streng mit. Mein Vater sagte zu Beginn oft «Nein». Doch meine Schwester liess nie locker. Sie führte unzählige Diskus­sionen. Sie war unermüdlich. Wenn uns Unrecht geschah, setzte sie sich für uns ein und versuchte uns zu schützen. Wenn mir mein Lehrer in der Schule sagte, ich würde die Aufnahmeprüfung für die Mittel­schule nicht schaffen, war sie es, die mir Mut zusprach. Sie motivierte mich dazu, es trotzdem zu versuchen. In einer Gesell­schaft, in der ich bereits als kleines Kind immer das Gefühl hatte zu wenig, zu schwach und nutzlos zu sein, brauchte ich nur eine Person, die an mich glaubte. Und ich schaffte es.

Wenn wir Verwandte im Kosovo besuchten, scheute sie sich nicht davor, laut ihre Meinung zu sagen. «Wenn Männer das können, können wir das auch!» Wenn uns zu Hause langweilig war, verkleidete sie sich als Mann und brachte uns zum Lachen. Sie versuchte uns beizu­bringen, dass wir wertvoll waren und es schaffen konnten im Leben, wenn wir nur wollten.

Wenn wir Besuch bekamen, lag es an uns, den Gästen Tee zu servieren. Etwas, das die Töchter machen sollten. Meine Schwester beschwerte sich und fragte jedes Mal: «Warum müssen nur wir das tun?» Wir hatten zwar die tollsten Gespräche in der Küche, während der «Çaj» kochte und wir in Würfel geschnit­tenen Feta Käse assen, doch wir waren wütend. Wir waren wütend, dass wir anders behandelt wurden. Wir waren wütend, dass wir unterschätzt und nicht wertgeschätzt wurden. Wir waren wütend, dass wir in diesen patri­ar­cha­li­schen Struk­turen festhingen und mit uns meine Brüder und meine Eltern. Heute serviert manchmal mein Vater den Tee oder auch meine Brüder. Es hat sich sehr viel verändert seither.

«Alte Tradi­tionen mussten aufge­brochen werden. Doch nicht alle. Sondern nur die, die Ungleichheit schafften.»

Einer­seits habe ich meiner Schwester und ihrem Mut vieles zu verdanken, anderer­seits auch meinen Eltern. Dank ihrer Offenheit, ihrem Willen und Wunsch, uns zu verstehen und veraltete Struk­turen abzulegen, konnten wir zusammen lernen und Gleichheit schaffen. Alte Tradi­tionen mussten aufge­brochen werden. Doch nicht alle. Sondern nur die, die Ungleichheit schafften. «Çaj» trinken wir immer noch und wenn Besuch kommt, sind wir immer noch gastfreundlich. Nur wird das nun eben von allen verrichtet.

Der Wandel kommt nicht nur meiner Mutter, meinen Schwe­stern und mir zugute, sondern auch meinen Brüdern und meinem Vater. Das Patri­archat und die Erwar­tungen, die damit kommen, schaden allen. Wir alle müssen zuerst lernen, den Sexismus und die Ungleichheit in unserer Gesell­schaft zu erkennen und aufzu­brechen — unabhängig von unserer Herkunft und Generation. Dabei hilft es, femini­stische Bücher und Filme zu konsu­mieren, oder eben eine solche Schwester zu haben, wie ich sie habe. Wer ist oder war deine erste Feminstin?

  1. Solche Frauen braucht es mehr. Nichts ist schwerer als diese Normen und Werte zuerst in der eigenen Familie zu ändern. Kommu­ni­kation ist alles! Ich liebe mittler­weile unsere Diskus­sionen am Famili­en­tisch mit zwei Brüdern 😀
    Deine Schwester feire ich 💪🏻

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert