Eine der Lieblingsbeschäftigungen der Medien ist es, migrantische Personen in bestimmte Rollen zu drängen und ihnen so bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben. Oft sind das angeblich kriminelle Migranten, die Justiz und Politik auf Trab halten. Die Medien greifen aber auch gern sehr positive Beispiele auf, wie diese Woche in «Aktenzeichen XY … ungelöst». Das macht die Sache nur unwesentlich besser.

Letzte Woche wurde seit langem wieder mal die Sendung «Akten­zeichen XY … ungelöst» im Schweizer Fernsehen ausge­strahlt. Grund war ein Cold Case aus dem Kanton Nidwalden, den der Leiter der Nidwaldner Krimi­nal­po­lizei Senad Sakić präsen­tierte. Über Sakić selbst wurde dabei ähnlich ausführlich berichtet, wie über den eigent­lichen Fall.

Man erfuhr aus den Medien, dass er ein «fleis­siger und zielstre­biger» Sohn bosni­scher Einwan­derer sei, der nach KV-Lehre und Polizei­aus­bildung zwei Master­ab­schlüsse gemacht habe. Die NZZ findet, Sakić habe zuerst «eine klassische Karriere gemacht, wie sie für viele Secondos typisch ist» – bevor er zum Chef der Kripo ernannt worden sei.

Die Leser­schaft geht zumindest implizit davon aus, dass fleissige Menschen schwei­ze­ri­scher seien als faule Menschen.

Was auch immer das heissen mag, offenbar ist sozialer Aufstieg laut NZZ für Secondos typischer­weise nicht vorge­sehen. Die Kommentare unter den Artikeln jubeln, er sei als Secondo mehr Schweizer als manch einer nach 20 Genera­tionen. Die Leser­schaft geht zumindest implizit davon aus, dass fleissige Menschen schwei­ze­ri­scher seien als faule Menschen.

Noch deutlicher wird es im Porträt, welches das Portal Zentralplus im Jahr 2023 über Sakić veröf­fent­lichte, wörtlich heisst es dort: «Wer mit ihm [Sakić] spricht, erhält den Eindruck, dass er zu jenen Secondos gehört, die typisch schwei­ze­rische Eigen­schaften wie ein Schwamm in sich aufsaugen. […] Dazu gehören Disziplin und Anstand, wie sie ihm sein Vater von früh auf gelehrt hat.»

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Dieser Abschnitt zeigt eindrucksvoll, welche krass rassi­sti­schen Stereotype in den Medien verbreitet werden. Hier der typische Schweizer: fleissig, diszi­pli­niert und anständig, auf der andere Seite migran­tische Menschen, die diese Eigen­schaften offenbar nicht immer haben, ansonsten müsste man sie ja bei Sakić nicht so stark hervor­heben. Ironi­scher­weise wird selbst im obigen Text hervor­ge­hoben, dass Sakić die schwei­ze­ri­schen Eigen­schaften von seinem bosni­schen Vater erlernt hat. Wie kann dieser Wider­spruch beim Schreiben des Textes nicht aufge­fallen sein?

Während niemand die Staats­bür­ger­schaft eines faulen oder unanstän­digen Schweizers infrage stellt, messen wir bei migran­ti­schen Personen den Integra­ti­ons­erfolg am Vorhan­densein solcher angeblich für Schweizer typischen Eigenschaften.

An dieser Stelle gerne nochmal der Reminder: Es gibt genauso faule, fleissige, anständige und unanständige (gebürtige) Schwei­ze­rinnen und Schweizer wie es faule, fleissige, anständige und unanständige Personen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund gibt. Die Natio­na­lität unserer Vorfahren macht uns nicht automa­tisch zu einem Menschen mit besseren oder schlech­teren Eigenschaften.

Aber während niemand die Staats­bür­ger­schaft eines faulen oder unanstän­digen Schweizers infrage stellt, messen wir umgekehrt bei migran­ti­schen Personen den Integra­ti­ons­erfolg am Vorhan­densein solcher angeblich für Schweizer typischen Eigen­schaften. Es ist ein klassi­sches Beispiel dafür, wie die Medien aufgrund der Herkunft einer Person die Erfolge oder Misserfolge mit verschie­denen Massstäben messen.

Abschliessend ist es begrüs­senswert, dass der soziale Aufstieg von Senad Sakić in den Medien so viel Beachtung findet und dass ausführlich geschildert wird, welche zusätz­lichen Hürden er aufgrund seiner Herkunft hatte. Aber daraus abzuleiten oder zu impli­zieren, er sei schwei­ze­ri­scher als andere migran­tische Personen, die weniger zielstrebig eine Karriere verfolgten, ist nicht nur falsch, sondern fördert auch rassi­stische Stereotype. Statt­dessen wäre eine grössere mediale Reprä­sen­tation von migran­ti­schen Personen wünschenswert, auch ohne dass diese besondere Leistungen, ob positiv oder negativ, erbringen müssen.

 

von Nico Zürcher

 

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