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«In Sarajevo hast du auch nicht gewusst, dass der Krieg anfängt»

Heute ist der 31. Jahrestag der Belagerung von Sarajevo. Chef-Redaktorin Albina ist in Sarajevo geboren und befindet sich zu Beginn der Belagerung mit ihrer Familie in der Stadt. Der Versuch einer persönlichen Einordnung und warum es wichtig ist, bei Nationalismus genau hinzuschauen.

Heute vor 31 Jahren begann die Belagerung von Sarajevo. Es war die längste Belagerung einer Haupt­stadt im 20. Jahrhundert und sie dauerte 1’425 Tage. Über 50’000 Menschen wurden verletzt, 11’541 Menschen wurden getötet, darunter 1’601 Kinder.

Ich war damals fünf Jahre alt und kann mich nur an einzelne Szenen erinnern: Meine Mutter, die mit verstei­nertem Gesicht und einem Fernglas in der Hand verkündet, auf den Bergen und Hügeln um uns herum seien Soldaten zu sehen. Wir müssten in den Keller hinunter.

Bilder eines kleinen dunklen Kellers mit tiefer Decke, wir Kinder, wie wir auf einem meter­hohen Stapel aus Feuerholz sitzen, mit dicken Wolldecken ausgelegt, damit wir nicht frieren. Mein Gross­vater, der mit einem Gewehr in der Hand schlafend auf einem Stuhl den Eingang bewacht. Das Gefühl der Scham, wenn ich Pipi muss, und nur mein Gross­vater mich nach draussen hinters Haus begleiten kann. Dann unendlich langes Warten, welches ich zeitlich nicht einordnen kann. Sind es Tage? Sind es Wochen oder Monate? Zunächst im Keller, dann später auf einem Flughafen, wo uns mein Vater abholen kommt, und wo das Warten so lange dauert, dass meine damals einjährige Schwester in der Flugha­fen­halle das Laufen erlernt. An Letzteres kann ich mich nicht selbst erinnern. Das weiss ich aus den wenigen Malen, in denen meine Mutter über den Krieg erzählte. Ansonsten wurde zuhause nicht viel darüber gesprochen.

«In Sarajevo hast du doch auch nicht gewusst, dass der Krieg anfängt!»

Was gab es auch schon zu bereden? Schliesslich schafften wir es noch recht­zeitig in einem der letzten Flugzeuge das Land zu verlassen, bevor der Flughafen endgültig von der Jugosla­wi­schen Armee einge­nommen wurde. Andere harrten jahrelang im belagerten Sarajevo aus oder verliessen via Landweg und nur unter Lebens­gefahr das Land. Frauen wurden auf der Flucht verge­waltigt. Andere landeten in Vernich­tungs­lagern oder wurden erschossen. Uns blieb dies erspart. Wir kamen in die Schweiz, in die Einzim­mer­wohnung meines Vaters, der schon zuvor in der Schweiz gearbeitet hatte. Die Wohnung war zwar klein, aber wenig­stens waren wir zusammen und uns blieb der Aufenthalt in einer Asylun­ter­kunft erspart.

Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, ist ein dumpfes Gefühl von Schwere, wenn ich an den Krieg denke. Etwa wenn mein Vater abends von der Arbeit nach Hause kam, und von unseren Kinder­trick­filmen zu den Nachrichten zappte, wo meine Eltern mit besorgten Gesichtern die Gescheh­nisse in Bosnien verfolgten. Oder wenn wir nachts zur Telefon­kabine fuhren, weil das Telefo­nieren nachts günstiger war, und versuchten Verwandte zu erreichen, um zu erfahren, ob diese noch lebten. Ein eigenes Telefon hatten wir damals nicht.

Wenn wir jeweils an einer Baustelle vorbei­kamen, an der es sehr laut war, erinnere ich mich, dass ich zusam­men­zuckte und die Geräusche kaum ertragen konnte. Ich fragte dann jeweils meine Mutter, ob denn nun auch hier der Krieg begonnen hätte, und sie meinte peinlich berührt, «nein, natürlich nicht!», und ich sagte: «Aber in Sarajevo hast du doch auch nicht gewusst, dass der Krieg anfängt!» Das hatte sie tatsächlich nicht und auch sonst kaum jemand.

Ich frage nicht, weil ich nicht weiss, was diese schmerz­haften Fragen in mir selbst auslösen könnten.

Darüber hinaus bleiben Lücken. Ich weiss nicht, wie lange wir im Keller ausharrten, und ich bin mir nicht sicher, an welchem Flughafen meine Schwester das Laufen erlernte, und über welchen Weg wir schliesslich in die Schweiz kamen. Ich frage nicht, weil ich nicht weiss, was solche Fragen bei meinen Eltern auslösen, weil ich sie nicht damit belasten will, und weil sie sich in ihrem Leben schon genug mit dem Krieg ausein­an­der­setzen mussten. Und vielleicht auch weil ich nicht weiss, was diese schmerz­haften Fragen in mir selbst auslösen könnten.

Und dennoch ist es wichtig, über den Krieg zu sprechen, darüber zu berichten und daran zu erinnern, was Krieg mit Menschen macht, wie er der einen Leben vernichtet, und jene der Hinter­blie­benen für immer zerstört. Es mag zynisch klingen, dies zu fordern, und gleich­zeitig selbst nicht in der Lage zu sein, das Geschehene in der eigenen Familie aufzu­ar­beiten. Doch genau deshalb sind eine kollektive Aufar­beitung und ein Gedenken wichtig – nicht nur in Bosnien selbst.

Denn in Bosnien brauchen die Menschen keine Gedenktage. Sie werden tagtäglich und auch noch Jahrzehnte nach dem Krieg auf unter­schied­lichste Weise an die Gescheh­nisse erinnert – sei es durch Einschuss­löcher in den Fassaden, durch eigene Kriegs­er­fah­rungen und die Erinne­rungen daran, durch die Traumata geliebte Menschen verloren zu haben, durch die wirtschaftlich prekäre Situation in Bosnien, durch Aussagen von Genozid­leugnern oder die Verherr­li­chung von Kriegs­ver­bre­chern. Sarajevo wurde von der Welt fallen­ge­lassen. Bosnien wurde von der Welt fallen­ge­lassen. Was es nun braucht, ist ein kollek­tives Hinschauen, gerade dann, wenn natio­na­li­stische und faschi­stische Kräfte erstarken, damit ein «nie wieder» nicht zur politi­schen Floskel verkommt.

Dieser Artikel erschien erstmals am 05. April 2022, das Datum des Jahres­tages wurde für den heutigen Jahrestag aktualisiert.

 

 

  1. Brigitta Spalinger

    Liebe Albina
    Ich danke Dir für den tollen Beitrag. Ich bin momentan für 4 Wochen in Sarajevo und lerne sehr viel, — und schäme mich auch darüber, wie sich die Schweiz während dieses schreck­lichen Kriegs verhalten hat. Und bin auch sehr betroffen, wie präsent der Krieg noch immer ist und auch, wie er vermarktet wird. Durch bajour wurde ich auf Baba news aufmerksam gemacht und wurde sofort member. Eure Arbeit ist sehr wichtig! Ich freue mich schon auf die nächsten Beiträge…
    Herzlich Brigitta

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